Tag 480: Mittwoch, 7. Juli 2021

Profis in der Quadratwelt

480 xxxEr kommt auf die Welt mit leeren Händen. Er schaut sich um. Es ist eine bunte Welt mit vielen Bäumen und Hügeln, Seen und Bergen. Hühner und Schafe laufen umher. Er kann sich frei in der Welt bewegen, kann sich ein Haus bauen, findet Nahrung und viele verschiedene Lebewesen. Klingt wie die Schöpfungsgeschichte aus der Bibel, ist aber ein Computerspiel namens „Minecraft“. Meine Kinder sind Profis in diesem Spiel, in dem die Welt aus Blöcken und Quadern besteht. In dieser Welt treffen sie sich online mit ihren Freunden – und spielen gemeinsam.

Wobei es in meinen Augen mehr ist als nur ein Computerspiel. Ein normales Spiel hat Spielregeln und folgt einem Spielverlauf, der auf ein Spielziel hinausläuft. In Minecraft gibt es kein Ziel, keine Spielregeln, keinen Spielverlauf. Es gibt nur die Welt, die Naturgesetze und die eigene Kreativität. Jeder kann das aus der Welt machen, was er will. Die Ressourcen in dieser Welt sind zwar begrenzt, aber mit dem, was da ist, bauen meine Kinder die tollsten Sachen: Ein unterirdisches Schwimmbad haben sie schon gebaut, eine Achterbahn, die in eine U-Bahn übergeht, Geheimgänge, Hühnerstall-Hochhäuser und eine Unter-Wasser-Farm … und eine Kirche! Die gehört für sie offenbar auch dazu – in ihre Welt.

Ich finde es faszinierend, wie viel schöpferisches Potential in meinen Kindern steckt. Aus dieser Welt, die eigentlich nur aus quadratischen Blöcken besteht, bauen sie die komplexesten Dinge. Die Welt trägt ihre Handschrift. In dem, was sie tun, bringen sie sich zum Ausdruck. Dabei teilen sie sich die Welt auch mit anderen und tauschen sich ständig darüber aus, wie ihre gemeinsame Welt aussehen soll. Eigentlich ein gutes Vorbild für die echte Welt, oder? Vielleicht hat Gott genau das gemeint, als er gesagt hat: „Ihr sollt die Erde bebauen und bewahren!“ Ich glaube, Gott hat jedem Menschen diesen schöpferischen Geist gegeben, damit jede und jeder in der Welt seine guten Spuren hinterlässt – im ständigen Austausch mit anderen. Vielleicht werden wir ja auch irgendwann Profis wie meine Kinder - nicht nur im Spiel, sondern Profis in der Welt, in der wir leben. Oder, was meint ihr?

Pfarrer Stefan Mendling, Annweiler