Tag 303: Montag, 11. Januar 2021

Sprungtuch und Hängematte

Es ist wie die nächste Staffel einer Serie: Homeschooling Teil Zwei! Und wir als Familie versuchen wieder jeden Tag neu die Balance zu finden zwischen Lernen, Spielen, Streiten, Essen, Arbeiten, Konzentrieren, Ausruhen. Hatten wir alles schonmal – letztes Jahr. Ja, aber es ist wie bei einer guten Serie: Die zweite Staffel ist immer spannender als die erste. Denn es wird mehr erwartet.

 

Deshalb habe ich manchmal das Gefühl, die Tage sind wie ein großes Tuch, und alle haben einen Zipfel und ziehen dran: die Kinder, die Frau, die Arbeit, die Schule – und ich natürlich auch.

Und was passiert, wenn von allen Seiten an einem Tuch gezogen wird? Wenn alle gleichmäßig ziehen, dann ist das Tuch schön glatt – wie ein Sprungtuch. Wenn es die richtige Spannung hat, kann es Dinge abfedern und einiges tragen; aber wenn einer zu heftig dran zieht, kommt ein Krumpel rein – es verzieht sich, irgendwann reißt es.

Die Vorstellung von dem Tuch hilft mir zu verstehen, wie das geht mit der Balance: Dass es drauf ankommt, die Kraft einzuteilen. Und dass es wichtig ist, immer mal zu ent-spannen, locker zu lassen – und aus dem Sprungtuch eine Hängematte zu machen: Dass jeder, der sonst dran zieht, sich mal in das Tuch hineinlegt, die Seele baumeln lässt. Diese Hängematten-Momente sind wichtig! Aber: Wenn alle das Tuch loslassen und sich reinlegen – wer hält dann das Tuch? In der Bibel steht: „Gott, von allen Seiten umgibst du mich. Meine Seele hängt an dir, deine Hand hält mich.“ Das heißt: Wenn ihr mal locker lasst, dann hält Gott euer Tuch von allen Seiten – und macht es für euch zur Hängematte. Also: lasst ruhig mal los, ent-spannt euch in der Hängematte – bevor es wieder spannend weiter geht.

Pfarrer Stefan Mendling, Annweiler