Tag 182: Samstag, 12. September 2020

Bedrohte Töne

182 gtn 12 9Wusstet ihr, dass es Geräusche gibt, die vom Aussterben bedroht sind?

Auf meiner Liste der vom Aussterben bedrohten Geräusche steht ganz oben das Geräusch, wenn ich im Auto die Kassette an die richtige Stelle gespult habe: „Tsch-sch-sch-sch-sch-klack!“

Oder: „Tsching-ssssssssssst.“ So hat mein erster Fotoapparat geklungen, eine Polaroid Sofortbildkamera – mit Bildern, die man schütteln müsste.

 

Es gibt sogar mittlerweile schon ein Museum für bedrohte Töne. Bevor manche Töne aus dem Alltag ganz verschwinden, werden sie hier aufbewahrt – für künftige Generationen: Die Zeitansage „Beim nächsten Ton ist es…“, oder die Wählscheibe am Telefon, „Surrr, kr kr kr kr kr“, oder was die Nadel macht, wenn sie auf die Schallplatte gesetzt wird: „Krz.“

Und noch ein Klang, der aus meinem Alltag fast schon ganz verschwunden ist, ist der Klang der Stille. Auch Stille klingt: Wenn ich in mich hineinhöre, ganz bei mir bin, dann kommen da ganz viele Stimmungen zum Klingen. Auch mal ganz leise Töne, Gefühle und Gedanken, die in mir zum Schwingen kommen. Eigentlich bin ich wie ein Instrument. Und meine Seele ist der Resonanzraum, der Klangraum – für das, was mich bewegt. Und Stille ist wichtig: Ohne Stille, keine Musik. Ohne Pausen, kein Rhythmus.

Unerhört, diese Stille! Denn die Stille klingt nach euch! Hört mal genau hin! Nicht dass dieser Klang auch bald nur noch im Museum für gefährdete Töne zu hören ist. Und manchmal wartet in der Stille auch Gott: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft“, steht in Psalm 62. Wie klingt das für euch?

Pfarrer Stefan Mendling, Annweiler