Tag 174: Freitag, 4. September 2020

Gepflegte Langeweile

„Mir ist langweilig!“, sagen Kinder oft. Auch meine. Vor allem sonntags. Und sie wollen dann bespaßt, entertaint, beschäftigt werden …

Langeweile scheint einer der größten natürlichen Feinde des Menschen zu sein. Man sagt ja sogar: „Etwas ist sterbenslangweilig“, oder: „Ich langweile mich zu Tode!“ Wobei wirklich noch niemand an Langeweile gestorben ist. Im Gegenteil: Forscher sagen, dass Langeweile ganz wichtig ist – vor allem für Kinder. Denn auch wenn das Gehirn scheinbar eine Ruhepause einlegt, passiert eine ganze Menge: Das Gehirn entwickelt sich weiter, wenn ihm langweilig ist, baut neue Verknüpfungen, ist offen für Einfälle. Ein Kind, das sich regelmäßig langweilt, wird kreativer und phantasievoller. Und Langeweile hinterlässt Spuren: Wer als Kind gelernt hat, Langeweile zu überstehen, der ist als Erwachsener auch mehr „bei sich“, selbstbewusster und glücklicher.

 

Langeweile ist genaugenommen sogar göttlich: Gott muss sich auch tierisch gelangweilt haben, als außer ihm noch nichts da war. Er hat sich so sehr gelangweilt, dass er die Welt erschaffen hat. Das ist der Beweis: Langeweile macht kreativ!

Und Gott ist auch schuld daran, dass meine Kinder mir vor allem sonntags mit ihrer Langeweile in den Ohren liegen. Denn Gott hat den Sonntag als willkommene Gelegenheit für gepflegte Langeweile geschaffen. Weil er weiß, wieviel Wunderbares aus Langeweile entstehen kann. Also: Langweilt euch ruhig! Und seid gespannt, wie viel Wunderbares daraus entsteht!

Pfarrer Stefan Mendling, Annweiler