Tag 173: Donnerstag, 3. September 2020

Ohne Worte?

Er steht im Amtszimmer auf der Fensterbank und schaut mich freundlich an - Martin Luther, die Ikone des Protestantismus. Im Reformationsjahr 2017 kam Playmobil-Luther auf den Markt. Die Erstauflage war innerhalb von 72 Stunden vergriffen, bis Mitte 2017 waren mehr als eine Million Figuren verkauft. Mein kleiner Martin gehört zur ersten Auflage, was man an der Bibelinschrift erkennen kann.

Abgesehen davon, dass der freundliche Gesichtsausdruck nicht authentisch sein kann – Gemälde von Lucas Cranach zeigen oft einen willensstarken, fast grimmigen und entschlossenen Mönch und freundlich wurden Martin-Luther-Gemälde erst, als es darum ging, ihn gesellschaftsfähig zu machen – abgesehen vom netten Gesichtsausdruck, gibt mir mein Fenstersimsbewohner viel zu denken:
Immer wieder fällt ihm die Bibel aus der Hand und der Federkiel ist abgebrochen!

Ist das ein Sinnbild für den Zustand unserer Kirchen? Diese Frage stellt sich in ökumenischer Dimension. Beide Großkirchen schrumpfen im Zeitraffertempo, ihr Plausibilitätsverlust ist enorm hoch. Wenn die Entwicklung so weitergeht, gibt es irgendwann mehr Playmobilfigurenbesitzer als Gemeindeglieder.

Was soll ich machen? Ich drück‘ meinem freundlichen Luther immer wieder die Bibel in die Hand, achte darauf, dass das Erkennungswort der ersten Auflage, das Wort „ENDE“ auf der einen Bibelseite mit der linken Hand halbwegs abgedeckt ist, staube hin und wieder den Doktorhut ab und blättere im Geist durch die Bibel, wo viel Tröstliches steht. Zum Beispiel die letzten Worte des Matthäusevangeliums: „Ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende“.

Ich bin bei Euch - deshalb lächelt Martin.

Pfarrer Lothar Schwarz, Rhodt