Tag 73: Dienstag, 26. Mai 2020

Neue Normalität

73 skala2Alles wieder auf Normal Null. Ich will den Einkaufswagen wieder geradeaus schieben und nicht in Abstandsschlangenlinien. Ich will wieder Schnurrbärte sehen und Schmollmünder und Zahnlücken. Ich will wieder aus Herzenslust singen und auch mal grölen und wildfremden Menschen um den Hals fallen.

 

Ich will auch, dass die kleinen Betriebe, Händler und Gastronomen wieder ihr Auskommen haben. Dass die Spargel auf den Feldern gestochen, die Erdbeeren gepflückt und die Reben hochgesteckt werden. Ich will, dass Familien eine Perspektive sehen, dass Kitas und Schulen das machen, wozu sie da sind. Ich will, dass niemand mehr allein bleiben muss, nicht in Alten- und Pflegeheimen, nicht in Krankenhäusern, nicht am Sterbebett.

Aber es gibt auch Dinge, die ich nicht mehr will: Flugtickets für 40 Euro zum Wochenend-Shopping-Trip nach New York, Kreuzfahrtschiffe, die zehntausende Menschen in kleine Hafenstädte spülen, Milliardenhilfen für Riesenkonzerne, die zum „Dank“ Superdividenden und Top-Boni ausschütten. Ich will nicht, dass es wieder ein „business as usual“ gibt, das unserer Erde die Luft abschnürt.

Und was mich betrifft: Ich will mich nicht mehr so hetzen lassen wie früher, will bewusster mit Zeit und Energie umgehen, will Ruhe und den langsameren Lebenstakt auch dann bewahren, wenn es wieder hektisch wird. Wenn das die neue Normalität ist – damit könnte ich leben.

„Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.“ (Jesaja 65,17)

Pfarrer Martin Anefeld, Nußdorf